antiphysis. Phänomenologie und Topologie der Existenz.
Laufend
Texte zu den näheren und ferneren Bedingungen einer „weltgeschichtlichen Existenz der Individuen; d.h. Existenz der Individuen, die unmittelbar mit der Weltgeschichte verknüpft ist.“ (Karl Marx)
Für Alain Badiou liegt die fundamentale Krise der Gegenwart und darin der Geschichte selbst in der Krise ihrer Wahrheitsprozeduren. Der 2026 im internationalen Journal Crisis and Critique erschienene Beitrag fasst diese Krise in der Absorption der Wissenschaft, der Kunst, der Politik und der Liebe durch die Technik, die Kultur, die Verwaltung und den Sex. In den Widerständen gegen die Absorption aber erschließt sich eine fünfte Prozedur der Wahrheit. Den vier anderen nicht äußerlich angestückt, sondern je einbeschrieben, wird sie hier die Wahrheitsprozedur der Existenz genannt:
Diesen Text haben Nadja Meisterhans und Alexander Neupert-Doppler für einen Themenschwerpunkt „Strategien gegen rechts“ der Zeitschrift Berliner Debatte Initial angefragt. Obwohl nicht nur auf „Strategien gegen rechts“, sondern auf das Ganze gegenwärtiger Herrschaftsstrategien bezogen, sollte er dort auch erscheinen – unter Streichung allerdings der Passagen zum genozidalen Krieg gegen die Palästinenser*innen: „Wir haben uns im Redaktionsteam darauf verständigt, dass wir uns an der diesbezüglichen Debatte nicht beteiligen werden.”
Albino Pitti. Mit den Gegenständen tanzen, 2025
Besser kaum kann belegt werden, dass und wie die Unterwerfung unter die deutsche Staatsraison bis weit in die Linke reicht. Besser kaum kann belegt werden, dass die Unterwerfung bereits erfolgt, wenn der Staat der Staatsraison noch gar keine Druckmittel ausspielt: alle Beteiligten haben auch so verstanden, „was sich gehört.“ Weil die Faschisierung der herrschenden Verhältnisse am Genozid an den Palästinenser*innen ihr Modell hat, habe ich den Text stattdessen auf der Website des NON-Kongresses publizieren können. Erfreulich ist das auch deshalb, weil er vom miserablen Stand der heutige Dinge aus die brennend aktuelle Frage stellt, der Lenin ihre definitive Formulierung gab: Was tun?„Dialektik der Zeitenwende. Versuch über das kommende Unheil.“ weiterlesen
Im November 2023 veranstaltete das Institut für Theologie und Politik (ITP) anlässlich seines 30. Jubiläums in Frankfurt/Main die Tagung „Warum die Theologie nicht klein und hässlich sein muss.“ Das ITP berief sich dabei auf Walter Benjamins erste geschichtsphilosophische These, nach der die „Historischer Materialismus“ genannte Puppe immer dann gewinnt, „wenn sie die Theologie in ihren Dienst nimmt, die heute bekanntlich klein und hässlich ist und sich ohnehin nicht darf blicken lassen.“
Hiroshi Miyamoto. Allgegenwärtig 2025
In meiner Antwort auf Julia Lis‘ Beitrag zur „Universalen Solidarität“ frage ich, wie mit der Theologie auch die Philosophie nach ihrem Platzverweis wieder ins Spiel finden könnte.
Gelingen könnte das in dem Streit um die „letztentscheidende“ Frage, ob und wie sich die Freiheit noch von dem „absoluten Herrn“ befreien kann, den Hegel im Tod ausmacht. Gewinnen können sie diesen Streit, wenn beide „frei aussprechen, dass sie und sie allein radikal Rechenschaft ablegen von den Bedingungen der Möglichkeit befreiender Freiheit.“ (a.a.O.: 196)
Das Resultat der modernen Revolutionsgeschichte lässt sich an zwei Sätzen ihres ersten Beginns festmachen. Der erste stammt von Robespierre: „Die Hälfte der Revolutionierung der Welt ist bereits geleistet, die andere Hälfte muss noch geleistet werden.“ Der zweite von seinem Gefährten Saint-Just: „Diejenigen, die die Revolution nur zur Hälfte machen, schaufeln sich nur ihr eigenes Grab.“ (ebd.: 284)
Hiroshi Miyamoto. Allgegenwärtig. 2025
Diese Sätze sagen überraschend genau, wer wir noch heute sind: diejenigen, die sich nur ihr eigenes Grab geschaufelt haben, weil sie bislang nur die Hälfte ihres Auftrags erledigt haben. Saint-Just und Robespierre haben die Wahrheit ihrer Sätze am eigenen Leib erfahren müssen, mit uns sieht es nicht viel besser aus. Es sei denn.
Hiroshi Miyamoto. Es herrscht jetzt Krieg an einige Orten der Welt. 2022.
Im Intro dieses Hefts schreibt medico international, dass die Organisation den Text veröffentlicht, „weil wir uns als Menschenrechts- organisation verstehen und es uns deshalb besonders daran gelegen ist, deutlich zu machen, was wir unter dem Menschenrecht, den Menschenrechten und der Revolution des Menschenrechts verstehen. Wichtig ist das auch, weil diese Rechte ausnahmslos aller und einer jeden immer wieder auch für imperiale Weltordnungspolitiken missbraucht werden. Möglich wurde das, weil ihr Sinn und ihre Geltung selbst Teil des Streits ums Menschenrecht sind. Darin aber sind sie für unzählige Befreiungs- und Gerechtigkeitspolitiken der erste und letzte Anhalt – und das weltweit. Mit diesem Text wollen wir einen Beitrag zur Beantwortung der Frage leisten, warum das vom Moment ihrer ersten Erklärung an so war und wohl auf lange Sicht auch so bleiben wird. Für uns ist das kein Einwand, sondern eine Verpflichtung zum Weitermachen.“ So sei es. Die Bilder im Heft danken sich Hiroshi Miyamoto.„Es geht ums Ganze, für alle und jede Einzelne, überall.“ weiterlesen
Die Frist zur Ermöglichung eines postmarxistischen Sozialismus ist knapp bemessen. Läuft sie ab, wird die Revolte so einsam sein wie nie zuvor. An ihrer Unverhandelbarkeit ändert das nichts, im Gegenteil. Im Rahmen der uns gesetzten Frist käme dem riot als einer Form der Kommunikation des Unverhandelbaren eine doppelte Funktion zu.
Albino Pitti. oT. 2025
Er wäre die Kraft der augenblicklichen Ent-Bindung aus der Gegenwart, d.h. aus der freiwilligen Knechtschaft, und er wäre die Kraft des Vorgriffs auf ein wirkliches Ende der Geschichte, des Vorgriffs auf die (nicht nur) von Nietzsche erträumte Unschuld des Werdens.
Lenins 150. Geburtstag fiel in die ersten Monate der Corona-Krise. Unter der realen Todesdrohung des Virus gelang es den darin biopolitischen Regierungen, die Mehrheit der Weltbevölkerung in ihren Wohnungen einzusperren und ihr Alltagsleben stillzustellen. Der politische Skandal der größten Massenquarantäne der Weltgeschichte lag in ihrer Durchsetzung unter weitgehender Zustimmung der Eingesperrten und Stillgestellten.
Meine Option des Widerstands – der kein Widerstand gegen die Rationalität der Maßnahmen war – lag in der Suche nach dem „Lenin’schen Moment“ der Situation. Fündig wurde ich in der Erinnerung der Politik, die man als Sartres „Ultrabolschewismus“ bezeichnet hat: „Wenn die Tatsachen ‚weder ja noch nein‘ sagen, wenn das vom Proletariat gewünschte Regime zweifelhaft ist und wenn man – dies wissend – und in Kenntnis der Passiva des Systems, dem Proletariat hilft, es zustandezubringen, so deshalb,
Die Möglichkeit zur Mitarbeit an dem vom Institut für Theologie und Politik herausgegebenen Sammelband habe ich mit besonderer Freude genutzt: gab sie mir doch die Gelegenheit, die gemeinsame und meine eigene Auseinandersetzung mit Alain Badiou auf ihren aktuellen Stand zu bringen. Zu fassen suche ich diesen Stand in der im Titel aufgerufenen Daseins-Dialektik:
Lilian AV. Wo wir hingehören. 2021
„Der dem Dasein zugesprochene Geist ist dann der Geist Hegels, das ihm zugesprochene Leben das Leben Nietzsches und Foucaults und die ihm zugesprochene Existenz die Existenz Kierkegaards, Paulus‘ – und Badious.“ (a.a.O.: 88) Der nächste Schritt wird darin bestehen, die Sache selbst dieser Dialektik in ihrer eigenen Phänomenologie zu fassen – to be continued. „Dialektik des Geistes, des Lebens und der Existenz. Ereignis, Freiheit, Transzendenz.“ weiterlesen
Die 2019 erschienene fünfte Ausgabe der Zeitschrift Narthex – Heft für radikales Denken widmete sich dem Begriff der Authentizität. Philosophisch spätestens seit Adornos Jagon der Eigentlichkeit (1964) zerschlissen, bestimmt er ungebrochen die neoliberale (Selbst-)Regierung der Subjekte des Endzeitkapitalismus.
In ihrer Januar-Ausgabe des Jahres 2016 versammelte die Frankfurter Studierendenzeitschrift diskus Beiträge zu Begriff und Sache der Ohnmacht. Sie trifft damit genau – ins Herz der Gegenwart. Mein Beitrag nimmt noch einmal die „Politik in erster Person“ zum Ausgang, als eine Kunst der freiwilligen Unknechtschaft. Deren Unumgänglichkeit resultiert aus dem zentralen Dilemma, damit aber aus der ersten Herausforderung der Linken:
Lilian AV. September-Studie. 2020
logisch auf die universelle Emanzipation aller verpflichtet, empirisch aber immer wieder neu dem Zweifel an der Möglichkeit einer solchen Emanzipation ausgesetzt zu sein. „Trotzdem“ weiterlesen