
Thomas Rudhof- Seibert. Philosoph. Autor. 1957 in Rüsselsheim geboren. Politisiert sich in den Revolten der 1970er Jahre. Feiert seinen zwanzigsten Geburtstag am 16. Oktober 1977: In der Nacht des nächsten Tags sterben Gudrun Ensslin, Andreas Baader und Jan Carl Raspe in Stuttgart-Stammheim.
Begegnet im gleichen Jahr Bettina Rudhof. Sie werden sich in den folgenden vier Jahrzehnten Geliebte und Geliebter sein.
Gemeinsam entdecken Rudhof und Seibert die Poesie – voran die Poesie Jean-Arthur Rimbauds. Noch im Deutschen Herbst und wegen dieses Herbstes gemeinsam erste politisch-philosophische Lektüren: zunächst und immer neu über lange Jahre Texte der Situationistischen Internationale (S.I.). Von dort Hegel. Marx. Kierkegaard. Stirner. Nietzsche. Sartre. de Beauvoir. Heidegger. Kojève. Weitere gemeinsame Erkundungen der Kunst, der Literatur, der Poesie. Das wird nicht aufhören. Rudhofs liebste Verse:
„Komm in den totgesagten park und schau: // Der schimmer ferner lächelnder gestade // Der reinen wolken unverhofftes blau // Erhellt die weiher und die bunten pfade. // Dort nimm das tiefe gelb · das weiche grau // Von birken und von buchs · der wind ist lau // Die späten rosen welkten noch nicht ganz // Erlese küsse sie und flicht den kranz // Vergiss auch diese letzten astern nicht // Den purpur um die ranken wilder reben // Und auch was übrig blieb von grünem leben // Verwinde leicht im herbstlichen gesicht.“ (Stefan George)

Anfang der 1980er geben Rudhof und Seibert den politischen Aktivismus erst einmal auf – nichts geht mehr, no future. Kurz davor kurz danach veröffentlicht Seibert dazu im Selbstverlag zwei Gedichtbände: 1978 Manifest und 1982 Glasmorgenliebe.
Rudhof und Seibert ziehen nach Wiesbaden, später nach Mainz, dann noch einmal nach Wiesbaden, schließlich nach Frankfurt. Beide gehen jeweils so kurz wie möglich wechselnden beruflichen Tätigkeiten nach, Rudhof in Blumenläden und an Supermarktkassen, Seibert fährt wöchentlich je drei Nächte Taxi. Er wird das 13 Jahre tun, von 1983 bis 1996.

Beide reisen so oft es irgend möglich nach anderswo: Europa, Asien, Nordamerika.
Von 1986 bis 1993 teilen Rudhof und Seibert ihr Leben mit Falk Horn, der zuerst mit Seibert Philosophie, dann mit Rudhof Architektur studiert. Sie bleiben auch nach dem Ende der Liebe zu dritt eng befreundet. Rudhof und Horn betreiben gemeinsam das „Büro für Gestaltung. Raumdeutung.“

Ab 1985 studiert Seibert erst in Mainz dann in Frankfurt Philosophie und Ethnologie. Die fortgesetzte Arbeit an der Phänomenologie der Existenz und am Erbe der S.I. schließt jetzt die Auseinandersetzung mit Deleuze. Guattari. Foucault. Butler. Irigaray und. Baudrillard ein. Seibert promoviert 1995 mit Geschichtlichkeit, Nihilismus, Autonomie. Philosophie(n) der Existenz. (M&P Verlag, Stuttgart). In derselben Linie veröffentlicht er später: Existenzphilosophie (Metzler Verlag, Stuttgart 1997), dann Existenzialismus (Rotbuch Verlag, Hamburg 2000)
Rudhof studiert in dieser Zeit erst in Wiesbaden Design, dann in Frankfurt Kunstgeschichte und Philosophie. Ihr Wiesbadener Philosophielehrer Jörg Engelmann wird allen dreien zum gemeinsamen Lehrer und macht sie mit dem Werk des Philosophen und Dichters Dieter Leisegang bekannt, der sich 1973 im Alter von 31 Jahren das Leben nahm. Rudhof wird freie Gestalterin, dann Architekturtheoretikerin. Sie kuratiert mehrere Ausstellungen, darunter 2004 die große Ausstellung „Stanley Kubrick“, die zugleich im Deutschen Architektur Museum und im Deutschen Filmmuseum zu sehen war und dann noch über Jahre hinweg in vielen Museen der ganzen Welt gezeigt wurde. Sie arbeitet als wissenschaftliche Lehrkraft an der Frankfurter Goethe-Universität, ab 2013 werden Vorträge zur Gegenwartsarchitektur zum Schwerpunkt ihrer freien Tätigkeit – die Vortragstexte sind hier ebenso dokumentiert wie der Text, den Rudhof und Horn zur Kubrick-Ausstellung geschrieben haben: „Bilder ins Hirn.“



Nach dem Anschluss der DDR an die BRD 1989 nähert sich Seibert neuerlich dem politischen Aktivismus und vertraut sich dazu der Anleitung einer jahrelang vertieften Lektüre Heiner Müllers an. 1997 beginnt Seibert seine sechsundzwanzigjährige Mitarbeit in der Hilfs- und Menschenrechtsorganisation medico international, zuletzt als Südasienkoordinator und Menschenrechtsreferent. In diesen Jahren beteiligt sich Seibert an den Bewegungen für eine andere Globalisierung und an Versuchen der Reorganisation einer radikalen und zugleich „interventionistischen“ Linken: Rudhof sieht dem vom Rand her interessiert, doch skeptisch zu. Seibert publiziert von nun an fortlaufend in Zeitungen. Zeitschriften. Sammlungsbänden. Viele dieser Texte finden sich hier dokumentiert: als heute abgeschlossene Sequenz des Schreibens.
Zum Abgeschlossenen gehören auch zwei Bücher, mit denen sich Seibert an der damals so genannten „Kommunismus“-Debatte beteiligt. (Im Überblick die Rezension in der ZEIT: https://www.zeit.de/2010/25/Kapitalismuskrise-Kommunismus/komplettansicht). Das erste trägt den Titel Krise und Ereignis. Siebenundzwanzig Thesen zum Kommunismus (VSA Verlag Hamburg 2009) das zweite und abschließende den Titel Zur Ökologie der Existenz. Freiheit. Gleichheit. Umwelt (Laika Verlag Hamburg). Dass dieses Buch ein Abschluss sein würde, ist Seibert zu dieser Zeit nicht wirklich klar – auch wenn er das bei der Niederschrift bereits ahnt und das Buch gegen diese Ahnung schreibt. Zum Denker des Übergangs in das laufende Schreiben wird ihm jetzt. Badiou.

Seit 2005 schon reist Seibert für medico international jährlich vor allem nach Sri Lanka, außerdem nach Afghanistan, Bangladesch, Pakistan – politisch interessiert am bewaffneten postkolonialen Kampf (Sri Lanka), am Kampf gegen die Überausbeutung in den Lieferketten der imperialen Lebensweise (Pakistan, Bangladesch) und am ersten Aufzug posthistorischer Situationen (Afghanistan) – Texte dazu finden sich unter https://www.medico.de/blog/thomas-seibert. Ebenfalls für medico koordiniert er im Mai 2018 in Zusammenarbeit mit der Freien Universität Berlin und der Humboldt Universität Berlin die von über 1000 Teilnehmer*innen besuchte internationale Konferenz Emanzipation. Dazwischen, 2010, tritt Seibert dem Institut Solidarische Moderne (ISM) bei. Die Antwort auf die dort erprobte Frage, ob radikale Befreiung doch noch zu einer Sache gesellschaftlicher Mehrheiten werden könnte, fällt negativ aus: Nein, das wird nicht der Fall sein. Neuerlicher Rückzug aus dem politischen Aktivismus und seither laufend fortgesetzte Arbeit an der Frage, wie man auch ohne „wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt“ eine „weltgeschichtliche Existenz“ führen kann, d.h. eine Existenz, „die unmittelbar mit der Weltgeschichte verknüpft ist.“ (Karl Marx). Zu dieser Arbeit soll ein Buch beitragen, in dem Rudhof und Seibert philosophische Texte und Gedichte Leisegangs neu zugänglich machen wollen. Dies ist ihr letztes gemeinsames Vorhaben.
Am 16. November 2017 stirbt Horn nach schwerer Krankheit. Am 7. Februar 2019 verunglückt Rudhof mit dem Fahrrad. Sie fällt infolge schwerer Kopfverletzungen in ein Wachkoma, das sie bis zu ihrem Tod nicht mehr verlässt. Nach mehrmonatigem Krankenhausaufenthalt verbringt sie von August 2019 an die letzten Monate ihres Sichüberlebens in der erst ein Jahr zuvor bezogenen letzten gemeinsamen Wohnung. Sie stirbt am 14. Juni 2020. Seibert nennt sich seither. Rudhof-Seibert.


2023 endet Rudhof-Seiberts Arbeit für medico. Dank wiederholter Nachfrage der Galerie der abseitigen Künste Hamburg nach einem 2017 verabredeten Buch zur Herr-Knecht-Dialektik schreibt Seibert 2023 georg wilhelm friedrich hegel. herrschaft, knechtschaft, bewusstsein der freiheit. eingeleitet und kommentiert von thomas rudhof-seibert. Mit diesem beginnt die Sequenz des Schreibens, das hier als laufendes dokumentiert wird. Zu ihm werden demnächst ein Roman und etwas später ein Buch zur Phänomenologie und Topologie der Existenz hinzutreten – gelegentlich wird es auch weiter kürzere Texte geben.
„Morgen ist morgen. Und es fängt gleich an. Siehst Du den Nebel, der vom See aufsteigt. Dort haben wir getaucht, vor tausend Jahren. In einer blauen Nacht. Weißt Du warum.“ (Heiner Müller)
