Wenn ein Architekt den Ehrentitel „revolutionärer Architekt“ verdient, dann El Lissitzky. Die Tragödie der modernen Revolutionsgeschichte und die uns von ihr gestellte Herausforderung wird auch deshalb von der Notiz auf den Punkt gebracht, die Lissitzky im Oktober 1925 in sein Tagebuch eintrug: „Die Lage ist so: die ekstatische Zeit der Revolution ist vorbei. Jetzt ist der Arbeitstag.“ „Eliezer Lissitzky. Revolutionäre Konstruktion.“ weiterlesen
Rem Kohlhaas und die paranoisch-kritische Geschichte der Moderne
Bildet das Delirium New Yorks das Paradigma der Architektur von Rem Kohlhaas, so deshalb, weil New York für ihn die „Hauptstadt der permanenten Krise“ ist und er sich selbst als den Architekten dieser Krise sieht: einer Krise, die keine Unterbrechung und auch nicht mehr das Moment einer letzten Entscheidung mehr ist, sondern unser planetarer Normalzustand. „Rem Kohlhaas und die paranoisch-kritische Geschichte der Moderne“ weiterlesen
Aldo Rossis Postmoderne. Das Monument, die Geschichte und die Stadt.
Verstand sich Aldo Rossi wie El Lissitzky als ein der modernen Revolutionsgeschichte verpflichteter Architekt, ging es ihm allerdings nicht mehr um eine Architektur des radikal Neuen. Stattdessen bemühte er sich erst einmal darum, die Geschichte überhaupt erst wieder ins architektonische Entwerfen und so vielleicht auch wieder – in die Geschichte selbst zu bringen. Nirgends ist ihm dies eindringlicher gelungen als im Partisanenmahnmal des Mailänder Stadtteils Segrate. „Aldo Rossis Postmoderne. Das Monument, die Geschichte und die Stadt.“ weiterlesen
Mainstreat is almost allright. Robert Venturi, Las Vegas und die Architektur des Pop
„Künstlerische Neuschöpfung“, so schreiben Robert Venturi, Denise Scott-Brown und Steven Izenour, „kann oft auch die geschickte Auswahl des schon Vorfindlichen sein. Die Pop-Künstler haben das wieder neu gelernt. Unsere Aufwertung der bestehenden kommerziellen Zwecken dienstbar gemachten Architektur entlang der Highways steht ebenfalls in dieser kurzen Tradition.“ So verstanden verdankt sich ihnen die erste und noch immer maßgebende Architektur des – Pop. „Mainstreat is almost allright. Robert Venturi, Las Vegas und die Architektur des Pop“ weiterlesen
Form, Fügung, Fuge. Carlo Scarpa und das Handwerk der Moderne
Die Singularität der Architektur Carlo Scarpas liegt in der Gründung seiner Modernität auf einen kritisch-forschenden Umgang mit der Geschichte: Architektur wurde ihm nach dem Zweiten Weltkrieg programmatisch zu einer Architektur des Wiederaufbaus. Mit dem ästhetisch hervorgehobenen Fügen heterogener Teile und Fragmente zu einem neuen, zugleich aber historisch geschichteten Ganzen beeindruckt Scarpa deshalb bis heute nicht nur Architekt*innen und Architekturhistoriker*innen, sondern auch und gerade die Denkmalpflege.
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Ohne Maß und Ziel. Peter Eisenmans Mahnmal für die ermordeten Jüdinnen und Juden Europas
„Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch“ – auf diesen Satz Adornos hat kaum jemand so radikal geantwortet wie der Architekt Peter Eisenman mit dem Berliner Mahnmal für die ermordeten Jüdinnen und Juden Europas. Die Radikalität des Stelenfelds liegt darin, absichtsvoll einen Raum „ohne Maß und Ziel“ geschaffen zu haben, einen Raum, der kein gemeinsamer Ort ist, sondern der Raum einer Vereinzelung in „der Erfahrung, sich verloren zu fühlen.“
Erste Annäherung an ein Drittes Manifest der Philosophie. Von der Treue zur Treue

Für Alain Badiou liegt die fundamentale Krise der Gegenwart und darin der Geschichte selbst in der Krise ihrer Wahrheitsprozeduren. Der 2026 im internationalen Journal Crisis and Critique erschienene Beitrag fasst diese Krise in der Absorption der Wissenschaft, der Kunst, der Politik und der Liebe durch die Technik, die Kultur, die Verwaltung und den Sex. In den Widerständen gegen die Absorption aber erschließt sich eine fünfte Prozedur der Wahrheit. Den vier anderen nicht äußerlich angestückt, sondern je einbeschrieben, wird sie hier die Wahrheitsprozedur der Existenz genannt:

„Die Wahrheit des Seins ist hässlich. Wir haben die Wahrheiten der Kunst, der Wissenschaft, der Politik und der Liebe, damit wir nicht an der Wahrheit des Seins zu Grunde gehen.“ „Erste Annäherung an ein Drittes Manifest der Philosophie. Von der Treue zur Treue“ weiterlesen
Pakistan’s „Industrial 9/11“: Creating Space for Future Struggles

Die Reihe der abgeschlossenen Texte könnte kaum mit einem besseren als diesem hier beendet werden. Nach dem Brand der Textilfabrik Ali Enterprises in Karatschi (2012) und dem Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza in Dhaka (2013) haben sich medico international, das European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR) und die pakistanische National Trade Union Federation (NTUF) in nahezu täglicher Kooperation am Kampf um Gerechtigkeit für die tausenden Toten und Verletzten und Millionen andere Überausgebeutete der globalen Lieferketten beteiligt. Herausgekommen ist dabei zum Leben wie zum Sterben viel zu wenig: fast nichts.
„Pakistan’s „Industrial 9/11“: Creating Space for Future Struggles“ weiterlesen
Dialektik der Zeitenwende. Versuch über das kommende Unheil.

Diesen Text haben Nadja Meisterhans und Alexander Neupert-Doppler für einen Themenschwerpunkt „Strategien gegen rechts“ der Zeitschrift Berliner Debatte Initial angefragt. Obwohl nicht nur auf „Strategien gegen rechts“, sondern auf das Ganze gegenwärtiger Herrschaftsstrategien bezogen, sollte er dort auch erscheinen – unter Streichung allerdings der Passagen zum genozidalen Krieg gegen die Palästinenser*innen: „Wir haben uns im Redaktionsteam darauf verständigt, dass wir uns an der diesbezüglichen Debatte nicht beteiligen werden.”

Besser kaum kann belegt werden, dass und wie die Unterwerfung unter die deutsche Staatsraison bis weit in die Linke reicht. Besser kaum kann belegt werden, dass die Unterwerfung bereits erfolgt, wenn der Staat der Staatsraison noch gar keine Druckmittel ausspielt: alle Beteiligten haben auch so verstanden, „was sich gehört.“ Weil die Faschisierung der herrschenden Verhältnisse am Genozid an den Palästinenser*innen ihr Modell hat, habe ich den Text stattdessen auf der Website des NON-Kongresses publizieren können. Erfreulich ist das auch deshalb, weil er vom miserablen Stand der heutige Dinge aus die brennend aktuelle Frage stellt, der Lenin ihre definitive Formulierung gab: Was tun? „Dialektik der Zeitenwende. Versuch über das kommende Unheil.“ weiterlesen
Universale Solidarität. Response auf Julia Lis. Warum Theologie und Philosophie nicht klein und hässlich sein müssen
Im November 2023 veranstaltete das Institut für Theologie und Politik (ITP) anlässlich seines 30. Jubiläums in Frankfurt/Main die Tagung „Warum die Theologie nicht klein und hässlich sein muss.“ Das ITP berief sich dabei auf Walter Benjamins erste geschichtsphilosophische These, nach der die „Historischer Materialismus“ genannte Puppe immer dann gewinnt, „wenn sie die Theologie in ihren Dienst nimmt, die heute bekanntlich klein und hässlich ist und sich ohnehin nicht darf blicken lassen.“

In meiner Antwort auf Julia Lis‘ Beitrag zur „Universalen Solidarität“ frage ich, wie mit der Theologie auch die Philosophie nach ihrem Platzverweis wieder ins Spiel finden könnte.
Gelingen könnte das in dem Streit um die „letztentscheidende“ Frage, ob und wie sich die Freiheit noch von dem „absoluten Herrn“ befreien kann, den Hegel im Tod ausmacht. Gewinnen können sie diesen Streit, wenn beide „frei aussprechen, dass sie und sie allein radikal Rechenschaft ablegen von den Bedingungen der Möglichkeit befreiender Freiheit.“ (a.a.O.: 196)
